Matthias Geitel

 

Wandel - 25 Jahre Ortsbegehung DREILINDEN

 

Künstlerbuch, Buch 3 der Reihe Dreilinden BOX
2022


Einleitung
Seit über 25 Jahren beobachte ich die Entwicklung von zwei Kiefern. Die Bäume stehen im Forst Dreilinden unweit der gleichnamigen Ortschaft im Südwesten von Berlin. Anfangs reichten sie mir bis zu den Knien, im März 2022 waren die Stämme rund 30 Zentimeter stark. Die Nadelbäume sind gesund und sie „bewachen“ die deponierten Reste meines Schatzes.
Ein Vierteljahrhundert – früher galt das als ein halbes Leben. Nur wenig älter war ich, als die Berliner Mauer fiel und Deutschland seine Wiedervereinigung feierte. Der Osten des Landes wurde bunter, gleichzeitig hatten die Veränderungen zur Folge, dass ich durch leerstehende Häuser und Fabrikruinen der Erfurter Innenstadt zog, um die Hinterlassenschaften der vergangenen Epochen zu sichten und auch teilweise einzusammeln; darunter waren Dinge, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammten.
Dieses Material nutzend baute ich Objekte und Installationen, bis mich der Verdacht beschlich, von den Fundstücken abhängig zu sein. Ein Aufenthalt im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, vormals der „romantische“ Landsitz der Familie von Arnim, verstärkte meine Zweifel und forderte eine Neuausrichtung; ich war mir sicher, dass Schluss sein musste mit dem Reiz der Patina. Dann lebte ich ein halbes Jahr lang in Berlin, und die im Wandel befindliche Großstadt bescherte mir neue urbane Eindrücke. Aber von der Frühlingssonne ins Umland gelockt, wurde ich mit aller Macht auf die Probe gestellt: Hunderte faszinierende Fundstücke, verteilt auf einer Fläche von 50Quadratmetern oder mehr! Nicht irgendwo, sondern mitten im ehemaligen Niemandsland. Und nicht irgendwelche, sondern alte Bilddruckplatten, die mehrheitlich archäologische Motive zeigten.
Zu Beginn nahm ich nur eine Handvoll besonders schöner „Souvenirs“ mit, denn von Fundstücken als Material für Kunst hatte ich mich ja gerade erst verabschiedet. Doch die große Unordnung im Gelände konnte so nicht bleiben und hinzu kam, dass jedes einzelne Objekt an mir zog und zerrte: „Ich bin so interessant, so geheimnisvoll, nimm mich, rette mich!“ Wahrscheinlich blieb mir wirklich keine Wahl, als klein beizugeben und mich der Sache zu widmen. Dreilinden und die Druckplatten wurden eine Parallelwelt für mich, wie für andere der Fußball oder der Schrebergarten. Ich kehrte immer wieder zurück, integrierte Teilaspekte in meine Arbeit, ließ mich auf Reisen von einzelnen Objekten leiten und lernte so manches über mich und den Lauf der Welt.
Vorliegendes Buch ist das dritte in einer Reihe von Publikationen, die die Umstände aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und in gewisser Weise ist es eine Zwischenbilanz. Nicht der gewichtige Fund steht im Mittelpunkt, sondern das, was die Landschaft um den Fundort herum zu erzählen hat. Ich war nicht jährlich vor Ort, besonders in der ersten Zeit nicht, aber 25 Besuche kommen spielend zusammen. Die Fotos, die dabei entstanden, erwiesen sich als guter Leitfaden für die konkrete Arbeit an diesem Buch.