Berlin, Flughafen Schönefeld – Potsdam, Schloss Cecilienhof
1 Wanderung, 1 Projektion, 1 Zeichnung
2019
Die fortschreitende Urbanisierung des Berliner Umlands drängte mich jahrelang, den Zustand dieser „Nachwende-Landschaft“ festzuhalten. Erst Ende 2018 jedoch begann ich eine Wanderung durch den südlichen Berliner Raum zu planen, um den Stand der Veränderungen fotografisch zu dokumentieren. Von Wiepersdorf kommend hatte ich 1996 auf der alten B 101 noch im Stau gestanden, dann wuchs parallel zur Bundesstraße Stück um Stück eine neue Autobahn, die ersten Logistikzentren siedelten sich an. Entlang großer Straßen hat inzwischen die Betonierung früheren Ackerbodens deutliche Spuren hinterlassen und die Lücken zwischen den neuen Wirtschaftsräumen beginnen sich mit Wohnsiedlungen zu füllen. Die Stadt ufert aus, wie vor 120 Jahren „verschluckt“ sie die nächst gelegenen Dörfer und die alten Anger werden in Zukunft nur noch an den Türmen ihrer Kirchen auszumachen sein.
Für eine Fotowanderung also bereits viel zu spät? Ja und nein. Der harte Bruch, der entlang der B 101 zwischen dem dichtbebauten Westberlin (Marienfelde) und dem dünn besiedelten DDR-Gebiet noch recht lange zu spüren war, drängt sich nicht mehr auf. Im Gegenzug verweisen die neuen Landmarken – Autobahnkreuze, Gewerbegebiete, Siedlungen – auf einen Zwischenzustand, der Verlust und Gewinn deutlich aufzeigt.
Eine am Computer konstruierte Wanderlinie für einen Zweitagesmarsch, 68 km lang, gelegt über ein stadtgeschichtlich dicht besetztes Territorium: Flughafen Schönefeld, Mauerweg, Schlachtfeld Großbeeren, Kontrollpunkt Dreilinden, Südwestkirchhof Stahnsdorf, Filmpark Babelsberg, Glienicker Brücke, Schloss Cecilienhof im Neuen Garten Potsdam. Eine mit Bleistift gezeichnete Linie, die als maximal reduziertes „Historiengemälde“ aufgefasst werden kann: Das Tschako (Kopfbedeckung) eines gefallenen preußischen Infanteristen, Kampfgetümmel, Ruinenlandschaft, Dynamik und Unruhe der Großstadt.
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Aufbau der Linie im Abschnitt Dreilinden |
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Berlin – Potsdam (Buchseite aus "TOUR"))
„Unsere Knochen sollen vor Berlin bleichen, nicht rückwärts !“(1)
General von Bülow
An zwei Tagen Ende März durch die südliche Peripherie Berlins. Preußischgrau der erste, der zweite unter blauem Himmel, beinahe mediterran anmutend. Ein Gang durch die deutsche Geschichte, insbesondere die der letzten 200 Jahre. Ich startete an der Endhaltestelle der S-Bahn beim Flughafen Schönefeld und lief westwärts, zwangsläufig mehrmals den Mauerweg kreuzend, bis auf Höhe der B101 die Hochhäuser des ehemals zu Westberlin gehörenden Stadtteils Marienfelde in Sicht kamen. Über Großbeeren, wo im Kampf gegen Napoleons Truppen 1813 die erneute Einnahme Berlins abgewendet werden konnte, hin zur Teltowkanalschleuse und weiter zum ehemaligen Grenzübergang Dreilinden. Im Stahnsdorfer Waldfriedhof führte mein Weg an der Commonwealth-Kriegsgräberstätte für Gefallene des ersten Weltkriegs vorbei, in Potsdam Babelsberg am Präsidialgebäude des Deutschen Roten Kreuzes von 1943. Dann über die Glienicker Brücke. Schloss Cecilienhof im Neuen Garten hatte ich zum Endpunkt der Tour bestimmt.
Doch eigentlich ging es bei all dem eher um die nächsten 100 Jahre, um den zu erwartenden Verlust von freien Räumen durch die fortschreitende Besiedelung der Hauptstadtregion. Als ich 1995 regelmäßig zwischen Wiepersdorf(2) und Berlin pendelte, musste ich noch über die Dörfer fahren, meistens war auf der schönen Brandenburgischen Alleenstraße irgendwo Stau. Es gab keine Baumärkte, keine Discounterlager und Logistikcenter. 2004 war der Autobahnzubringer B101 fertig, man kam zügig voran und konnte beobachten, wie sich in relativ kurzer Zeit zu beiden Seiten der Trasse flächenverschlingende Unternehmen ansiedelten. Damals dachte ich, dass sich ein Fotograf dieser Gegend annehmen müsste.
Präparierte Ruinen und wieder aufgerichtete Säulen, selbst in Ermangelung von Authentizität sind sie touristische Attraktionen, bei denen Menschen den Lauf der Zeit spüren können. Veränderungen im heimatlichen Umfeld schenken sie in der Regel weniger Aufmerksamkeit, zumal der Fortschritt oft herbeigesehnt wird. Spät, erst Anfang 2019, nahm ich die Arbeit an der Berliner Linie auf. Dabei versuchte ich, geschichtsträchtige Orte mit jenen Freiräumen auf Linie zu bringen, die bis dahin wenig überformt und urbanisiert worden waren. Aus dieser Bemühung heraus entstand ein unruhiger Zickzackkurs für eine Landschaft im Umbruch, so betrachtet ist die Fotodokumentation der Wanderung vielleicht interessanter geworden, als wenn sie 20 Jahre früher entstanden wäre.
1 General von Bülow (1755–1816), Zitat auf der Tafel an der Gedenk-Pyramide in Großbeeren; Bülow hatte sich vor der Schlacht bei Großbeeren 1813 geweigert, Berlin erneut den napoleonischen Truppen preiszugeben.
2 1995 hatte ich ein Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf südlich von Berlin, dem ehemaligen Landsitz von Achim und Bettina von Arnim.